MRL-Reise 2025 Piemont

Männerriege Löhningen erklimmt Piemonter Rebberge

Ein Jahr ist vergangen und die Männer von Löhningen sind wieder auf Achse. Die Vorfreude auf vier Tage Piemont war riesig. Kulinarik, Kultur und Wein, so muss es sein. Unser Chauffeur Franco verfrachtete uns mit seinem Mercedes tadellos von Weintränke zu Weintränke. Selber erklimmen mussten wir jeweils nur die ersten drei Treppenstufen zu unserem Sitzplatz im Bus. Aber beginnen wir von Vorne. 

Donnerstag 18. September 2025, Brückenwaage, 6 Uhr früh, alle sitzen im Mini Car und es herrscht bereits ein brutaler Geräuschpegel mit allerlei Themen, mitunter die Debatte über den ersten Pinkelhalt. In fortgeschrittenem Alter ein wichtiger Bestandteil jeder Reise. Da wird sogar ein Halt vor dem Gotthard gefordert, da die Röhre doch ziemlich lang sei. Und so starteten wir in den ersten Tag und tuckerten von Toilette zu Toilette. Bald hatten wir die Grenze passiert und fuhren ausgepinkelt und unaufhaltsam Richtung Alba. Zuerst durch die Lombardei, überquerten den Fluss Ticino, der Richtung Lago Maggiore fliesst, um dann in unser Zielgebiet Piemont zu gelangen. Übrigens, Piemont ist das Gebiet mit der grössten Reisproduktion Europas, und das im Pastaland schlechthin, wer hätte das gedacht. Unser erster kulinarischer Halt war zum Mittagessen im Ristorante Balin, da bekamen wir unter anderem Risotto aus einem riesigen ausgehölten Käselaib, der so dem Risotto noch mehr Käsearomen verlieh. Das kulinarische Wochenende war eingeläutet.

Und weiter ging’s, hindurch zwischen den endlosen Reisfeldern, vorbei an vielen ausgestorbenen Reisfarmen, deren Gebäude ziemlich zerfallen waren. Eine Reisfarm war aber noch nicht ausgestorben, trotz den über 500 Jahren auf dem Buckel, nämlich das Anwesen Tenuta Colombara, bekannt für seinen Acquerello Premium-Reis. Durch dieses Anwesen führte uns Claudia Haberkern, eine dort über viele Jahre eingemietete Künstlerin. Ihr Atellier war im prunkvollstem Teil des ganzen Anwesens. Dieser Teil gehörte aber ursprünglich nicht dem Hausherrn, sondern war dem Reis gewidmet, dieser verdiente nämlich den höchsten Ausbaustandard. So hatte dieser auch einen mit Teer isolierten Untergrund, um gegenüber der Feuchtigkeit abzudichten. Anders als bei den Angestellten, die mit Feuchtigkeit, Schimmel und entsprechenden Krankheiten wie Rheuma zu kämpfen hatten. Neben den schimmligen Unterkünften waren die Kühe versorgt, bis zu 200 Stück. Auch damals war das braune Gold als Dünger gefragt. Zu jener Zeit waren die Tage auf dem Reisfeld sehr anstrengend und intensiv, und die vielen Sonnenstunden haben da nicht unbedingt geholfen. Abhilfe brachte der Aquaiolo, der das Wasser zu den Arbeiterinnen brachte. Genauer gesagt, waren es Mondine, Reispflückerinnen, meist saisonale junge Arbeiterinnen. Ende des 19.Jh. begannen sie mit Aufständen für bessere Arbeitsbedingungen, und so wurde dank der Mondine Anfang des 20.Jh der 8h Tag eingeführt. Nach dem Abstecher in Kultur und Geschichte, neigte sich auch unser Tag dem Ende zu. Mit einem Abendessen im Hotel und etwas Wein rundeten wir den Abend ab.

Anscheinend waren die Erzählungen über die harte Arbeit so kräftezehrend, dass am zweiten Tag kaum jemand zum Morgenessen erschienen ist, alles Penntüten. So genoss ich den Morgen in Zweisamkeit mit meinem Zimmergenossen. Was uns noch fehlte war ein richtig guter Kafi. Wir setzten uns in ein schmuckes Café in der Altstadt und genossen das Treiben in den Morgenstunden. Wir sind sofort als Touristen aufgegallen, denn so trinken die Einheimischen keinen Kaffee, nein. Sie kommen rein, stehen an die Bar, schlürfen den Espresso subito, tauschen zwei drei Sätze aus, und sind wieder draussen. Vergleichbar mit einem Boxenstopp in der der Formel1, rein raus und ab auf die Piste. Mittlerweile kamen auch die ersten Männerriegler dahergelaufen, und war ja logisch, dass der Erste sein super Italienisch auspackte und mit Gion Porno die Runde begrüsste. Nun waren wir bereit für den zweiten Tag. Das erste Highlight war die Festung Castello di Grinzane Cavour. Von Innen ein tolles Museum, das durch das ganze Gebäude rauf und runter führte und so etwas Bewegung ins Spiel brachte. Ein Funfact aus der Ausstellung, was wir aber schon immer wussten, dass ein Gläschen Rotwein am Tag, das Herzinfarktrisiko senken würde. Weiter interessant, dass für die Frauen der Überkonsum deutlich schlimmer sei als für den Mann. Am einfachsten, wir bleiben bei einem Glas pro Tag, steigern so die Lust und minimieren den Herzinfarkt. Win win für unser gesamtes System, mehr Nachwuchs und weniger Herzleiden. Im Castello hatten wir nicht nur Spass, sondern es war das perfekte Sujet für unser Gruppenfoto. Sonne, Bomben Ausblick und einer hatte noch extra eine Drohne dabei. Nichts stand dem perfekten Foto im Wege und so hatten wir uns in bester Laune in grandiosem Ambiente abgelichtet. Yes. War ja klar, dass am Schluss die Speicherkarte fehlte und alle Fotos für die Füchse waren. Was aber nicht für die Füchse gedacht war, waren die lang ersehnten Dugustationen. Die erste war zum Zmittag auf dem Weingut Savigliano Fratelli. Nicht nur das Weinangebot, sondern auch die kalten Platten waren vom Feinsten und äusserst üppig. Es gab nie zu wenig. Jedes Weingut hatte so seine Geschichten und Anekdoten, die wunderbar zum kulinarischen Angebot passten. Ebenso gut passten die organisierten Spaziergänge nach den Degustationen. Der erste war in La Morra, einem kleinen Dorf auf dem höchsten Gipfel der Bassa Langa, einer hügeligen Gegend im südlichen Piemont. Die Aussicht auf die Umgebung von sorgfältig gepflegten Weinreben und Haselnuss-Plantagen leitete über vom kulinarischen Genuss in den Genuss von Natur und Landschaft. Und das ganze untermauert mit bestem Wetter. Wir hatten so ein Wetterglück auf unserer Reise, es war einfach perfekt. Und wieder wurden wir von unserem Chauffeur Franco gefahren. Eigentlich ein muss in Piemont, so ein Privatchauffeur, nur so kann sich der totale Genuss entfalten. Dieses mal ging es wieder zurrück ins Hotel, wo wir uns vom Essen für das nächste Essen erholen konnten und auf die nächst grössere T-Shirt Grösse wechseln mussten, denn langsam fing es an zu spannen um die Hüfte. Auch wenn wir auf unserer Reise von einem Highlight zum nächsten fuhren, war das nächste Ziel von Anfang an hoch angepriesen worden. Und so sollte es auch kommen, für mich zumindest. Im Dörfchen Castagnito wartete der nächste Stolze Wirt auf uns, nämlich im Ostu Di Djun. Jeder will es besser machen als der andere. Dieser hatte uns nicht nur unzählige Gänge serviert, sondern in jedem Gang die komplette Auswahl geliefert, was eigentlich nicht der Plan war. Vermutlich haben da die Connections von unserem Reiseleiter reingespielt. Was mich dieses mal fast aus der Bahn geworfen hatte, war die Krönung zum Schluss, nämlich der Torrone Morbido. Nicht nur, dass der Kellner nach der Masterei noch mit einer riesigen Schüssel voller Torrone vorbei kam und ich mir fragend ein Kreuz auf die Brust setzte und dachte, wer soll das jetzt noch essen? Und dann, pappte er mir den Teller voll, mit dem süssen Tod, der so was von lecker war. Und ich habe alles gegessen. Das war so gut. Die ganze Reue im Nachhinein brachte dann auch nichts mehr. Mein letzter Gedanke an diesem Abend war: „Franco, bitte bring mich zurrück ins Hotel.“

Nach dem letzten Gedanken am Abend, kommt der erste Gedanke am Morgen. Frühstück. Nicht heute. Spätestens jetzt hatte ich den Reisestil begriffen und schloss mich den Penntüten an. Als erstes war der Wochenmarkt angesagt, dort konnte man einfach alles finden. Künstler zeigten ihr Können, verkauft wurde von Pfannen, über Blumen, bis haufenweise Pantalone, einfach alles. Auf der anderen Seite der Altstadt waren auf einem riesigen Platz die Nahrungsmittel mit ganz viel herzhaften lokalen Spezialitäten. Die Zeit verging schnell, aber auf die Uhr mussten wir nicht schauen, denn: „it‘s always wine o‘clock“. In dem Sinne, ab zur nächsten Weindegustation. Dieses mal wurden wir von Paola Massa empfangen. Sie und das gleichnamige Weingut haben uns eine 7-Gang Degustation bescheert, mit einmal mehr, ganz vielen Häppchen. Zu all diesen Häppchen waren das ganze Wochendende über die häufigsten Begleiter aus den 2 Traubensorten Barbera und Nebbiolo. Bei der Barbera Traube hiess auch der Wein Barbera. Dieser Wein ist unkompliziert, schnell trinkreif und dementsprechend leicht zugänglich, einfach und gut. Aus der anderen Traube Nebbiolo, stammen Weine wie der Barolo, Barbaresco oder auch einfach Nebbiolo. Der Nebbiolo Wein ist deutlich komplexer, beginnend damit, dass er zu den am langsamsten reifenden Weine überhaupt gehört, aber damit auch zu denen, die ihre Qualität am längsten behalten. Aufgrund der späten Lese kommt auch der Begriff „nebbia“ (dt.: Nebel) ins Spiel, was auf den herbstlichen Nebel in den Weinbergen oder den weissen, nebelartigen Belag auf den reifen Trauben hindeutet. Lange Rede kurzer Sinn, der Nebbiolo schmeckte vorzüglich, immer und immer wieder. Unsere Strategie behielten wir bei, nach jedem Essen ein kurzer Spaziergang. Der nächste war im Dörfchen Barbaresco angesagt, da, wo auch einer der feinsten Nebbiolo‘s herkommt. Das Dörfchen war ganz hübsch. Einige sahen die Kirche, andere gingen auf den Aussichtsturm mit Lift. Doch die Renner waren einmal mehr die Cafés, sitzen und geniessen. Nach dieser harten Tour brauchten wir Franco, der uns zum Hotel brachte, wo wir uns wieder frisch machten und etwas ausruhten. Zum Abendessen sind wir dieses mal gelaufen, denn es war in der Altstadt von Alba, in der Osteria dell‘Arco. Doch vorher spielte sich noch ein kleines Spektakel ab. Vor der Cattedrale di San Lorenzo versammelte sich eine Menschenmenge, um den Trommlern und Fahnenschwingern zuzuschauen. Die Show erinnerte an das Basel Tattoo, nur in Klein. War trotzdem sehr eindrücklich, vor allem wenn man es Live sah. Mit den Eindrücken sollte es an diesem Abend noch nicht aufhören. Die Osteria machte uns satt, und doch lockte die Gelateria gegenüber manch Männerriegler an. Wir sammelten nicht nur Eindrücke, sondern auch viele Kalorien, aber wir blieben noch in der Kategorie von den Eindrücken. Trotz der späten Stunde wollten viele noch nicht ins Hotel, sondern zur Abwechslung sich mal ein kühles Blondes gönnen und weitere Eindrücke auf sich wirken lassen. Draussen auf der Piazza ging das super, denn da läuft was. Bei uns in der Schweiz sind es die Poser, die sich und ihre Autos zelebrieren lassen. Da sind die Piemontesi etwas ökologischer unterwegs, nicht mit Ferrari und Lamborghini, sondern mit Stiefeln und Miniröcken. Die jungen Frauen drehten eine Runde nach der anderen, sehr eindrücklich. Und dann hörte man doch noch ein Brummen und gehäule, aber das waren nur die Oldtimer, die neben mir sassen. Nun wurde es doch langsam Zeit, ein letztes mal gute Nacht zu wünschen. Träumt was schönes. Und alle gingen mit einem Lächeln schlafen.

Ein etwas anderes Lächeln hätte Franco erwartet, als er am nächsten Morgen den Bus füllte und die Hoteleinfahrt hinunterfahren musste, sich aber nicht mit vollem Bus traute, wegen Streifkollision. Die gestopften Männer sind zu schwer geworden und mussten ein paar Schritte hinunterlaufen, dem Bus zuliebe. Und trotzdem haben wir es uns nicht nehmen lassen, im Tessin im Grotto Bundi für ein weiteres Mittagessen zu halten. Den Ablauf hatten wir mittlerweile intus, absitzen, anstossen und geniessen.

Wie so oft, sind die letzten Heimwärtskilometer mit etwas Wehmut verbunden. Trotz der ruhig und gemütlich geplanten Reise, haben wir sehr vieles erlebt, einmal hat es sogar ein Happy Birthday Gesangsstück gegeben, aber das war im Car hinter verschlossenen Türen. Der einzig leidtragende Auswärtige war Franco, aber da kennt er Schlimmeres. Das allerschlimmste wäre gewesen, wenn wir diese Reise nicht erlebt hätten, und so bleibt nur noch eines dem Organisator zu sagen: „Mitch, vo Herze e ganz grosses Dankä, es isch eifach super gsi!“

Domagoj Margetić

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert